Radikal Satan
16.9.2006 Radikal Satan + TG @ Scherer8, Berlin
… total vernoister Tango. Gotan Project für Musikliebhaber. In der Fantasie eine hämische Rezension schreiben, nenne ich dieses Hobby. Oder Freaks statt Musikliebhaber? Irgendwie zu gay (grell).
Eine rote Billigleuchtschlange schimmert die drei Musiker von schräg unten an. Eben hat "weird loner guy from France" TG sein aus einer einzigen Note bestehendes Gitarrensolo beendet. Davor hatte er sogar der Viola einen träumerischen Klang entlockt. TGs unverkrampfte Solo-Darbietung hörte sich schön an und war durch und durch Rock-Olymp-untauglich.
Radikal Satans Musik wirkt oft wie Noise-Impro, bleibt dabei jedoch weitestgehend moderat, dezent und atmosphärisch. Sie rutscht ständig in Tango ab, verweilt, erzeugt links und rechts eine Gänsehaut (auf beiden Eiern) (und Wangen), und wird angenehm unheimlich, wenn der dreistimmige Gesang, oder das dreistimmige Wimmern, oder das dreistimmige Gelächter, welches in Wimmern übergeht, über die Zuhörer schwappt und schmatzt. Der Vollständigkeit halber muss die visuelle Erscheinung betreffend erwähnt werden, dass Mr. Ziehharmonika den originalen Devil's Haircut trägt und gelegentlich die Hose runterlässt.
Bewegt sich ein Lied auf sein Ende zu, behandeln Radikal Satan es wie einen Schatz, lassen die Edelsteine nochmal genüsslich durch die Finger gleiten, nehmen keine Pause zu kurz, warten lieber etwas länger, die Lieder laufen sich tot, das eben noch wie in Ekstase gespielte Muster wird langsam grobmaschiger, am Ende bleibt ein Klopfen, bleibt noch eine Weile, bleibt noch eine Weile, wird noch grobmaschiger, man könnte eine Stecknadel fallen hören, noch ein Klopfen, Stille. So viel zum Tango. Der Bereich Noise ist schwerer zu beschreiben. Hier schrammeln sie mal heftig, dort schreien sie mal aus vollem Hals. Neben Kontrabass, Akkordeon, verschiedenen Gitarren und einer elektronischen Orgel wird im Perkussionsbereich einiges an Spielzeug eingesetzt. Güldene Glöckchen beispielsweise, und ein Tretbecken. Das geht optisch in Richtung Hippie/Folk. Akustisch nimmt sich jeder Musiker die Freiheit, seine Instrumente grenzwertig zu spielen. Also Experimental Noise in Form von besagtem Klopfschrammeln, und dazu scheuern, kratzen, stampfen, zucken, schlagen, pfeifen, zischen, Hossa-rufen … man könnte es, statt musizieren, einfach spastizieren nennen. Völlig wertfrei! Nur so als Facette.
Das Bemühen, sich neben den Takt zu begeben, schwankt in seiner Wirkung zwischen satanisch und kindlich. Es muss aber sein, denn dadurch kommt der Rückfall in den Groove wie eine Naturgewalt, so natürlich, so überhaupt nicht gekünstelt, wie eine Ganzkörpererfahrung. Mancher kennt es vielleicht vom Rave, wo einem die Jeans am Bein schlabbert, wenn man direkt vor der Box steht.
Zitat: Ciao Luca, a domani …
(Fortsetzung folgt)


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